Terror im Januar 2015

11.1.2015 - Röm 15,7

Alte Kirche Bönen

Friede sei mit euch von Gott, unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.

 

Liebe Gemeinde,

 

Was ist eigentlich in unserer Welt und in unserer Gesellschaft los?

Kann mir das mal jemand erklären?

 

Ich habe in den letzten Wochen und Monaten immer mehr den Eindruck, dass mein Bild von einer freien, demokratischen, selbstverantworteten Gesellschaft vollkommen ad absurdum geführt wird.

 

·        Der Islamische Staat macht Jagd auf Andersgläubige und enthauptet willkürlich Menschen.

·        Boko Haram zerstört ganze Städte in Nigeria und exekutiert massenhaft die Bewohner, weil westliche Bildung Sünde sei.

·        Al Khaida sprengt in Pakistan Schulen in die Luft und tötet hunderte von Kindern und Jugendlichen.

·        In Paris werden in dieser Woche Journalisten eines Satiremagazins regelrecht hingerichtet.

·        Und in Dresden und anderen Großstädten demonstrieren Menschen gegen den Islam.

 

Was geschieht hier eigentlich mit uns und unseren Werten, mit unserer Ethik?

 

All das erschreckt mich.

Es macht mir Angst.

Ich habe das Gefühl, ein Versinkender im Treibsand zu sein, der sich daraus nicht selber befreien kann. Und je mehr ich mich bemühe, desto tiefer werde ich hineingezogen.

 

Und dann erschrecke ich über mich selbst.

·        Ich, der ich immer dem Pazifismus das Wort geredet hat –

·        Ich, der ich den Kriegsdienst vor über 30 Jahren verweigert hat –

·        Ich, der immer gegen militärische Intervention war und auf Diplomatie setzen wollte –

·        Ich, der das Leben jeden einzelnen Menschen – egal mit welcher Schuld behaftet – als schützenswert erachtet hat und damit Position gegen die Todesstrafe bezogen hat –

 

ich erschrecke über mich selbst angesichts des Weltgeschehens. Denn plötzlich gehen mir Gedanken durch den Kopf, die ich mir immer verwehrt habe zu denken. Aber aus diesem Gefühl der Macht- und Hilflosigkeit heraus, brechen sich diese Gedanken Bahn.

·        Gedanken an einen gerechten Krieg

·        Gedanken, die keine Gesprächsbereitschaft mehr zulassen

·        Gedanken, die eine Höchststrafe für verwirktes Leben fordern

 

Und all das macht mir mindestens genauso viel Angst wie all die Horrormeldungen aus unseren Nachrichtenagenturen. Es macht mir Angst vor mir selbst. Und es macht mir Angst davor, dass viele, die einmal wie ich gedacht haben – pazifistisch, diplomatisch, lebenserhaltend – plötzlich auch ganz andere Gedanken entwickeln könnten. Was für ein furchtbarer Flächenbrand könnte entfacht werden, den weder Politik noch Gesellschaft noch die Religionen kontrollieren können.

 

Ist dem noch beizukommen?

Oder ist es schon zu spät?

Brennt die Welt schon lichterloh?

 

Das Fatale ist ja, das mit all den Gräueltaten, die uns bedrohen, ein Bild verbunden ist: der Islam.

 

·        Islamisten

·        Salafisten

·        Fundamentalisten

Diese Schlagwörter benutzen wir mittlerweile in unserem Sprachgebrauch als Synonyme für die Menschen, die im Islam ihre religiöse Heimat sehen. Aber damit geschieht etwas vollkommen Abstruses. Wir kriminalisieren Menschen, die ihren Glauben leben möchten. Und Millionen von ihnen tun das in gleicher Weise wie wir als Christinnen und Christen:

·        mit Gebetszeiten

·        mit Lesen des Koran, ihrer Heiligen Schrift

·        mit Gemeinschaftserfahrungen in den Zusammenkünften ihrer Gemeinden

·        mit Ritualen und Feiertagen, die ihnen Sicherheit und Glaubensgewissheit verleihen

 

Und diese Menschen, die in dieser Weise ihren Glauben leben, vermischen wir mit denen, die den Islam instrumentalisieren und ihn damit dämonisieren und zu einer Terrormacht erheben, die nichts – aber auch gar nichts mit dem lebensbejahenden und lebensstärkenden Hintergrund dieser Religion zu tun hat.

 

Und indem wir Islamismus, Salafismus, Fundamentalismus als Synonyme für die islamische Religion benutzen, schüren wir ein Feuer, das dann in diesen Gemeinden plötzlich zünden kann. Die Moslems fühlen sich unverstanden und wissen sich bald nicht mehr anders zu wehren, als aus dem Gefühl der Bedrückung heraus radikal zu reagieren.

 

Viele von Ihnen, liebe Gemeinde, haben noch in Erinnerung, dass Ernst-August Kirchberg – der Direktor des Marie-Curie-Gymnasiums – in den letzten Sommerferien plötzlich verstarb. Auf Wunsch von Günter Ahlers – Konrektor des MCG – begannen wir das letzte Schuljahr mit einer Gedenkfeier für Ernst-August Kirchberg in der Aula der Schule. Schülerinnen und Schüler, Lehrerinnen und Lehrer hatten die Gelegenheit, an ihren Direktor zu erinnern. Dazu waren Benno Heimbrodt als katholischer Pfarrer, der Imam der muslimischen Gemeinde und ich als evangelischer Pfarrer eingeladen, um Hoffnungsworte aus unseren Traditionen in die Feier einzubringen. In dieser Stunde habe ich noch einmal sehr bewusst wahrgenommen, dass die muslimische Lebens-, Sterbens- und Auferstehungshoffnung und unsere christlich-jüdische sehr nahe beieinander sind. Nicht identisch – aber nachvollziehbar und auch mitdenkbar.

 

Und mir wurde bewusst, wie sehr doch mein Bild vom Islam durch Nichtwissen geprägt ist.

·        Und das mag auf mich zutreffen wie auf viele von Ihnen, liebe Gemeinde.

·        Das mag auf die Mehrheit in unserer Gesellschaft zutreffen.

·        Und es trifft umgekehrt sicherlich auch auf unsere muslimischen Mitbürgerinnen und Mitbürger zu, wenn sie an das Christentum denken.

 

Angst entsteht durch Nichtwissen!

Das sollten wir gelernt haben in den Jahrtausenden der Menschheitsgeschichte.

·        Und Angst erzeugt ein Gefühl der Ohnmacht.

·        Und Ohnmacht gebiert irrationales Handeln, das sich dann auch in der Gewalt seinen Weg sucht.

 

Dieses Wissen um die Angst- und Gewaltspirale macht mir deutlich: die vermeintlich Starken, die mit Hass und Waffengewalt ihre abstrusen Gedanken und Fehlinterpretationen in die Welt tragen, sind keine starken Menschen. Es sind wahrscheinlich die Schwächsten, die eine Gesellschaft hervorbringen kann. Sie wissen sich in ihrer Ohnmacht nicht anders zu verhalten als mit Gewaltexzessen.

 

Hilft mir das jetzt weiter?

Hilft es uns allen weiter, das zu wissen und dennoch mit dieser Gewalt konfrontiert zu sein?

 

Ich merke jedenfalls, dass ich zu recht vor mir selber erschrecke,

·        wenn ich Gedanken an einen gerechten Krieg hege

·        wenn ich keine Gesprächsbereitschaft mehr zulasse

·        wenn ich menschliches Leben als verwirkte ansehe

 

Mein Weg – unser Weg – muss ein anderer sein!

Es muss ein Weg des Wahrnehmens sein.

 

·        Wer von uns war denn schon einmal in einer Moschee hier in Bönen?

·        Wer von uns hat sich mit dem Koran auseinandergesetzt?

·        Wer von uns ist schon einmal der Einladung unserer muslimischen Gemeinden gefolgt und hat eines ihrer Feste besucht?

Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich dort noch nie gewesen bin!

 

Doch nur wenn wir diese Wege gehen, dürfen wir erwarten, dass wir zu einem Miteinander kommen und nicht bei einem Nebeneinander stehen bleiben.

·        Nur so kann dem Extremismus der Nährboden entzogen werden.

·        Nur so kann perspektivlos gewordenen Menschen ein Lebenssinn vor Augen gestellt werden.

·        Nur so können verschiedene Religionen einander begegnen und gemeinsam Gesellschaft gestalten.

 

Pakistan, Afghanistan, Nigeria – ja selbst Paris – sind weit weg.

Aber die Bönener Moscheen sind ganz nah!

Wenn wir wirklich etwas verändern wollen, dann muss es vor Ort geschehen. Dann kann es nur vor Ort geschehen. Dann haben wir hier in Bönen eine Aufgabe, der wir uns zu stellen haben. Und ich bin sicher, dass wir als Christinnen und Christen keine verschlossenen Türen antreffen werden, sondern gemeinsam deutliche Zeichen setzen können: Wir wollen es anders, und wir machen es anders!

 

Der Islam ist nicht die Bedrohung, sondern der Terrorismus!

 

Und dem Terrorismus müssen wir die Substanz nehmen. Und das geht nur miteinander und nicht nebeneinander oder gar gegeneinander.

 

Ich bin mir nicht sicher, was Sie, liebe Gemeinde, heute hier im Gottesdienst erwartet haben. Vielleicht ein Wort zu den Ereignissen der zurückliegenden Tage. Und bestimmt einige Gedanken zur Jahreslosung für 2015.

 

Es sind Gedanken zur Jahreslosung. Paulus schreibt:

 

Nehmt einander an

wie Christus euch angenommen hat

zu Gottes Lob.

Röm 15,7

 

Dieses Wort ist der Schlüssel für eine friedliche Welt. Daran haben wir zu arbeiten im vor uns liegende Jahr – und wahrscheinlich unser ganzes Leben lang.

Dieses Wort ist Herausforderung und Zusage zugleich. Wir sind Angenommene. Deshalb können wir andere annehmen. Wir haben einen Grund, auf dem wir stehen können – einen Grund der uns trägt. Und dieser Grund ist nicht die Angst und nicht die Ohnmacht und nicht die Gewalt, sondern die Liebe Christi, die uns an alle Menschen weist, auch wenn wir sie nicht verstehen können.

 

Nehmt einander an

wie Christus euch angenommen hat

zu Gottes Lob.

 

Dieses Wort zu leben, ist ein Wagnis.

Aber dieses Wort zu leben birgt in sich eine Hoffnung – ein Versprechen:

Frieden und Freiheit.

 

Amen.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.